Achilles und die Schildkröte: ein falsches Urteil, kein Paradoxon
Es ist die Erzählung eines Mathematikers, der meint die Absurdität gelöst zu haben. Gehen wir nun den Dingen genau auf den Grund:
"Überholt wird die Schildkröte letztendlich bei 111,111 ... Fuß.“ Die drei Punkte sollen doch andeuten, dass es kein endlich - kein Ende - gibt. Das ist eine unverständliche Aussage, lieber Mathematiker! Und was bedeuten die drei Einser nach dem Komma? Es gibt nur die Maßeinheit Fuß, ein Zehntel etc. sind nicht vereinbart.
Die unendliche Darstellung 111,111... ist im Dezimalsystem geschrieben. Die Zahl um die es hier eigentlich geht ist die Bruchzahl 1000:9, die eine endliche Darstellung ist. Wird diese Zahl im 9-er Stellenwertsystem geschrieben, so hat sie ebenfalls eine endliche Darstellung: 133,1. Die unendliche Darstellung der Zahl deutet darauf hin, dass die Maßeinheit 1 Fuß nicht kompatibel mit allen Strecken im Kontext ist. Wie man auf 1000 Neuntel kommt folgt weiter hinten im Manuskript.
Da Zenon sich auf die gelaufenen Strecken bezieht, geht es nicht mehr um Bewegung, sondern um die Spuren, welche die beiden erzeugen, nur diese werden verglichen. „Richtig, so die Schildkröte, doch in dieser Zeit sei sie selbst ja wieder ein Stück weiter: 10 Fuß.“ Achilles runzelt die Stirn: „Warum 10 Fuß und nicht 6 Fuß? Müssten wir nicht zuerst gegeneinander laufen, um festzustellen, wievielmal (bzw. um wieviel) schneller ich bin? Dann könnten wir von den erreichten Orten A1 und S1 zurücklaufen und würden gleichzeitig an unserer gemeinsamen Startlinie ankommen – dort würde ich dich einholen. Achilles schüttelt den Kopf: „So geht das nicht, liebe Schildkröte. Erzähl mir keine Märchen.
Ein Physiker würde sagen: Ich vergleiche die beiden
voneinander unabhängigen Bewegungen vAt und vSt und nicht
die Spuren AA1 und SS1.
---------
Zenons berühmte Er-Zählung wurde über ein Jahrhundert lang
mündlich weitergegeben, bevor Aristoteles (das Denken der beiden war da schon
verschieden) sie aufschrieb. Seitdem wird sie immer weitererzählt, kommentiert,
widerlegt. Man muss sich vergegenwärtigen: In der Antike standen sich
sowohl Wissen als auch Verständnis erst am Anfang. Menschen konnten tun, was
man ihnen sagte – „Geh schneller“ -, ohne Begriffe zu besitzen, die das „Wie
schnell?“ oder „Wie viel schneller?“ überhaupt erst ermöglichen. Fragen stellen
ist vielleicht das, was uns am deutlichsten von anderen Lebewesen
unterscheidet.
Heute im Jahre 2026, herrscht noch immer keine Einigkeit:
Philosophen haben keine Lösung, nur die Mathematiker meinen eine Lösung zu
haben und die Physiker äußern sich nicht dazu in ihren
Schul-Lehrbüchern.
Im Folgenden wird eine begriffsbezogene (philosophische) Widerlegung, des
ursprünglichen von Aristoteles (-384 bis -322) übermittelten Wortlautes
erbracht, gefolgt von einer Kritik der mathematischen Lösung, die im
Internet weit verbreitet ist.
„Vier aber sind Zenons Sätze über Bewegung, die in
Schwierigkeiten verwickeln die Lösenden. Der zweite, der sogenannte Achille. Er
besteht darin, dass das Langsamere nie eingeholt werden wird im Laufen von dem
Schnelleren. Denn vorher muss dahin kommen das Verfolgende,
wovon auslief das Fliehende: sodass stets etwas voraushaben muss das
Langsamere.“ (www.zeno.org Aristoteles
Physik 6. Buch 9. Capitel) Und eine 2. Übersetzung:
„Das zweite (Argument) ist unter dem Namen "Achilleus" bekannt. Es lautet: Das Langsamste (die Schildkröte) wird in seinem Lauf nie vom Schnellsten eingeholt werden. Denn es ist notwendig, dass das Verfolgende vorher dort ankommt, von wo das Fliehende eben weggegangen ist, so dass notwendig das Langsamste immer wieder einen gewissen Vorsprung hat.“ (Aristoteles, Physik VI, 239 b 14 ff.) Notwendig, wenn sie auf einer Geraden laufen, aber nicht hinreichend.
Bemerkung: Der Wortlaut enthält keine Maßzahlen: die Begriffe Laufweg und Laufzeit sind nicht quantifiziert. Das Einholen (wann - wo) als Voraussage kann nicht erfüllt werden.
Und, was versteht Zenon unter vorher, was für
ihn der Grund ist, dass Achilles die Schildkröte nicht einholen kann? Soll das
nicht bedeuten, dass es noch dauert, bis Achilles die Schildkröte einholen
wird? Die Frage wäre dann: Wie lange er noch zu laufen hat bis er sie eingeholt
haben wird. Die Frage wie weit sie laufen bis sie einander treffen, ist nicht primär. Das ganzheitliche Begriffspaar (vorher - nachher)
bezieht sich auf die ganze Einholzeit, wiederholt Zenon den
Denkansatz zum zweiten Male bei wovon auslief, so ist das nicht
mehr die ganze Einholzeit und man spricht dann von einer anderen Bewegung,
getrennt von der ursprünglichen. Wenn man die Einholzeit an einer bestimmten
Stelle des Weges in (vorher - nachher) einteilt, so
darf man nicht weiter nachher in (vorher - nachher)
einteilen – was Zenon offensichtlich tut. Der vorher-Gedanke ist
für jeden Ort denkbar an dem beide vorbeilaufen, er teilt aber immer die ganze
Einholzeit ein z. B. (2 - 8) oder (3 - 7) für eine Einholzeit von 10
Zeiteinheiten. Wenn in einem Kontext über vorher eine Beziehung erstellt wird, so muss auch für nachher eine angegeben werden: (vorher - wovon auslief) und (erst nachher - eingeholt). Dem Schnelleren wird doch Achilles zugeordnet und dem Langsameren die Schildkröte.
Unter eingeholt versteht Zenon offenbar,
dass es keinen Ortsabstand mehr gibt (kein Voraushaben). Der Schnellere-Begriff
wurde damals abgeleitet durch einen Wettlauf, wo beide von einer Startlinie
gleichzeitig gestartet sind, d. h. schneller ist an einen gemeinsamen Startort
gebunden, ist dieser verschieden hat der Begriff schneller keine Bedeutung
mehr. Für einen Physiker bedeutet schneller, dass die Geschwindigkeit des Achilles
größer als die der Schildkröte ist. Eine Stoppuhr gab es noch nicht und da die
Laufzeit für beide gleich ist, ignoriert Zenon diese, Zenon und Aristoteles
denken nur in Strecken. Man kann deshalb nur eine Gleichung mit Streckenlängen
aufstellen: sA = sV + sS. Die Längen
der Einholstrecken können berechnet werden, nicht aber ihre Einholzeit, diese
hängt von den jeweiligen Schnells (geschwind -igkeiten) ab und nicht von schneller.
Es war Galileo Galilei - 2000 Jahre danach -, der die
richtige Zuordnung bei der Beschreibung einer linearen Fortbewegung erkannte:
Laufzeit -> Laufstrecke, wobei die Laufzeit in gleichgroße Laufteile
fortlaufend eingeteilt ist. Bei Zenon ist es: Laufstrecke -> Ort,
also gleich zwei Denkfehler. Galilei gab auch als Erster eine Definition für
eine konstante Fortbewegung: Ich nenne diejenige Bewegung gleichförmig,
bei welcher die in irgendwelchen gleichen Zeiten vom Körper zurückgelegten
Strecken unter einander gleich sind. Seine Beweisausführungen beruhen auf
einem von ihm definierten geometrischen Axiomensystem. In seiner Axiomatik
werden Laufzeit und die entsprechende Laufstrecken, als getrennte geometrische
Strecken gedacht und gezeichnet (wie es der Mathematiker auch heute noch tut).
Erst die grafische Darstellung im Zeit-Weg Diagramm oder die Formel v = s/t
stellt die Ganzheit (Raum-Zeit) her. Geometrie ist keine Physik (die Physik
benützt die Sprache der Mathematik, nur allein auf diese darf man sich nicht
verlassen).
Es war Nikolaus von Oresme, der 300 Jahre vor Galilei ein
Geschwindigkeit-Zeit-Diagramm zur Darstellung von Bewegungen gezeichnet hat. Es
ist die Grafik des Begriffstripel: [konstant-(beschleunigt-verzögert)].
Nach mehr als 2,5 Jahrtausend Jahren kann man sagen: Wenn
die verwendeten Wörter und ihre Beziehungen zueinander in einem Kontext nicht
verstanden werden, nützt eine fehlerfreie Logik nichts: „Zenon war ein schlauer
Fuchs“; „Ein Fuchs hat 4 Beine; logische Schlussfolgerung: „Zenon hatte 4
Beine“ (Zufall: Zenon und Achilles haben 2 und die Schildkröte 4 Beine). Das
ist ein Trugschluss, denn bei der Aussage: „Zenon war ein schlauer Fuchs“
bezieht man sich auf die Schlauheit eines Fuchses, Fuchs ist nicht wortwörtlich
zu verstehen, es ist eine Metapher, was ein Spiel mit Worten ist (unsere
Sprache ist voll bestückt damit).
Zenon muss sich auf den Abstand zwischen den Laufenden
beziehen und nicht auf den der unbeweglichen Orte.
Eine andere Frage wäre: „Wenn Achilles die Schildkröte nicht
einholen kann, weil er vorher an wovon auslief kommen
muss, wie kommt er dann überhaupt an wovon auslief? Müsste er
nicht vorher z. B. die halbe oder ein Drittel der Strecke bis
dorthin zurücklegen?“ Die Antwort lautet:
Er wird vorher die eine Hälfte und nachher die andere Hälfte oder vorher ein Drittel und nachher zwei Drittel bzw. vorher zwei Drittel und nachher ein Drittel, gleichzeitig kann er nicht beide zurücklegen. Es geht um das ganzheitliche Begriffstripel-Tripel: [gleichzeitig - (vorher - nachher)].
Zenons Antwort wäre sein sogenanntes „Dichotomie Paradoxon“:
„Eine Bewegung kann es nicht geben, weil das Bewegende, ehe es sein Ziel
erreicht, zuvor die Hälfte (des Weges) erreichen muss (...) Wenn man immer
zuerst jeweils die Hälfte durchlaufen muss und die (Hälften) unendlich viele
sind und man die unendliche Mannigfaltigkeit unmöglich bis ans Ziel durchlaufen
kann (...), dann ist die Folge, dass man eine unendliche Zahl durchgezählt hat.
Das ist zugegebenermaßen unmöglich.“ (Aristoteles Physik, VI 239 b 11f. und
VIII, 263 a 5 ff.) Da ist es wieder das nicht verstandene Wort zuvor (synonym: vorher).
Aristoteles sagt weiter: „Es ist aber dieser Satz der nämliche mit dem Zerspalten in zwei. Er unterscheidet sich nur in der Art des Teilens, indem er nicht in zwei (gleiche Teile) spaltet die angenommene Ausdehnung.“ Aristoteles meint, dass es bei Achille um Zerspalten von Strecken, die er Ausdehnungen nennt, geht. Man sollte aber einen Unterschied zwischen Teilen, Zerspalten und Einteilen machen. Teilen heißt: aus einer Strecke zwei oder mehrere Strecken erzeugen, während Einteilen ein Markierungsvorgang ist: der vor dem Teilen ausgeführt wird, wenn man nicht willkürlich teilen möchte.
Bemerkung: Bei drei Strecken, wo die Summe zweier Längen größer ist als die dritte, wie beim rechtwinkligen Dreieck, haben wir ja auch die beiden Fälle messbar und unmessbar. Doch unterscheiden sich die unendlichen Darstellungen, da es hier keine periodische Wiederholungen der Ziffern gibt.
Fazit: Es gibt keine Längenmaßeinheit für alle erdenkbaren Strecken.
Aristoteles sagte zu seinem Lehrer Platon (-428 bis -348): „Die reine Mathematik wird uns nicht zum wahren Wissen führen. Alle Wissenschaft muss sich auf Beobachtung stützen“. Leider hat er sich bei Achille nicht darangehalten. Es gibt 2 Möglichkeiten die Fortbewegung (wie beim Licht) eines Zweibeiners, wie Achilles nun mal real ist zu beschreiben: als Teilchenbewegung in Bezug auf den Oberkörper oder als Wellenbewegung bezüglich der beiden Beine: bei diesen kann man eine Amplitude, eine Wellenlänge und eine Frequenz beim Rennen erkennen. Ein Zweibeiner kann sich auf drei Arten fortbewegen: Springen, Schrittweise und stetig, kontinuierlich (Beine wechseln sich bei der Berührung des Bodens). Aristoteles hat eigentlich erkannt, dass Achilles keine stetige, kontinuierliche Bewegung ausführt, sondern die Schrittweise, bei dieser kann man die „Ruhe-Zeit“ zwischen den einzelnen Schritten beliebig verlängern.
Allgemein: Schneller-langsamer sind keine eindeutigen Begriffe, deshalb kann die Lösung auch nur mehrdeutig sein. Man erhält zwar eine eindeutige Einholstrecke, die Einholzeit ist aber beliebig, nicht eindeutig. Diese hängt vom Begriff schnell und nicht von schneller ab. Mathematiker stellen nicht die Frage: um wieviel schneller Achilles läuft, sondern nur wievielmal. Allein deshalb wäre die mathematische Lösung nur eine "halbe" Lösung.
───•────•────•────•────•───